Mastodon: Marrow Deep

Ein Mitglied der eigenen Band zu verlieren, ist mutmaßlich vergleichbar mit dem Tod eines Familienangehörigen. Nun war Gründungsgitarrist Brent Hinds bereits fünfeinhalb Monate nicht mehr Teil von Mastodon, als er im August 2025 bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam. Aber trotz der Trennung war er noch in den Herzen der drei verbliebenen Bandgründer. Seit Monaten geht Bill Kelliher, Troy Sanders und Brann Dailor der Tod Hinds‘ nahe. Das beteuern sie immer wieder. Die haben sich dann entschlossen, sich für ihr neues Album Klotho, Lachesis und Atropos, den drei Schicksalsgöttinnen der griechischen Mythologie, zuzuwenden. Die verkörpern das Schicksal des Menschen. Und in Sachen Schicksal machten Mastodon zuletzt einige Erfahrungen. So verstarb auch Dailors Mutter und der großartige Ozzy Osbourne, dessen Schaffen Mastodon wenige Tage vor seinem Tod noch auf dem „Back To The Beginning“-Festival in Birmingham mit einem Kurzauftritt gewürdigt hatten.

Weiterlesen →

Jack White: Frozen Charlotte

Wäre man gemein, könnte man Jack White vorwerfen, ein One-Trick-Pony zu sein. Der Blues/Garage Rock, den er heute spielt, kennt man in weiten Teilen bereits von seiner Band The White Stripes. Blickt man von einer anderen Perspektive auf den 50-jährigen Sänger und Musiker, könnte man ihm attestieren, sich in kreativer Hinsicht weiterhin treu zu bleiben. Man weiß, was man bekommt, wenn man ein Album von Jack White kauft oder anklickt.

Dennoch ist er immer noch für Überraschungen gut. Denn mitten in seiner Europatournee und nur einen Monat vor dessen Erscheinen kündigte er sein siebtes Soloalbum „Frozen Charlotte“ an. Zusammen mit seiner Band – Dominic Davis am Bass, Bobby Emmett am Keyboard und Patrick Keeler am Schlagzeug – nahm er dieses in seinem Studio in Nashville auf. Es erscheint natürlich auf seinem eigenen Label Third Man Records. White ist längst ein gewiefter Geschäftsmann, der auch Bücher verlegt, ein Vinylpresswerk unterhält und in seinen Third Man Records-Läden Lesungen und Konzerte veranstaltet.

White hat nicht nur einen ausgeprägten wie beneidenswerten Geschäftssinn (und Style!), er weiß auch, wie er in seinem musikalischen Segment die Spannung aufrechthält. Obwohl die neuen Songs die The White Stripes-DNA in sich tragen (was auch an seinem Gesang liegt), langweilt einen „Frozen Charlotte“ nicht. Er hat es einfach drauf und streut hier und da interessante Rhythmen („There’s Nobody There“), wunderschöne Melodien („I Can’t Believe What I’m Hearing“) oder spannende Elemente ein – beispielsweise Rage Against The Machine-Gitarreneffekte („Derecho Demonico“) und einen Frauenchor („Nobody Knows“). Nicht zu vergessen den herrlich antiquierten Gesamtsound.

Boards Of Canada: Inferno

Ruhe im Kopf, sei der wahre Luxus, las der Autor zuletzt in einem Post. Das ist etwas dran. Manche Musik kann helfen, zur Ruhe zu kommen und sich zeitweise des Stresses zu entledigen. Dazu zählt „Inferno“, das neue Album des schottischen Duos Boards Of Canada.

Die Anfang der Siebziger Jahre geborenen Brüder Michael Peter und Marcus Eoin Sandison gründeten 1986 in Edinburgh Boards Of Canada. In den folgenden Jahren veröffentlichten sie einige Kassetten und die EP „Twoism“ (1995). Nach zwei EPs bei Skam Records stieß ihr nostalgischer Electro/Ambient/TripHop-Sound bei Warp Records, der Heimat von Autechre und Aphex Twin, auf großes Interesse. Die brachten im April 1998 zusammen mit Skam Records ihr Debüt „Music Has The Right To Children“ heraus. Die Kritiker waren hin und weg; ihr Debüt wurde als wegweisend eingestuft. Diesem Ruf wurde das Duo fortan immer wieder gerecht. Doch nach dem 2013er Album „Tomorrow’s Harvest“ folgten nur noch einige Remixe. Es wurde immer wieder über neue Musik spekuliert. Aber erst jetzt erschien „Inferno“.

Im britischen „Guardian“ gab man sich enttäuscht über das Comeback. Während der 70 Minuten gäbe es viel zu wenige Höhepunkte. Das ist vielleicht ein generelles Problem unserer heutigen Zeit: die Kombination aus fehlender Muse, Reizüberflutung und kurzer Aufmerksamkeitsspanne. Der Autor empfiehlt, sich wirklich Zeit zu nehmen und die Musik bewusst zu hören, um deren Schönheit und Strahlkraft zu erkennen. Nicht nur „Deep Time“ und „You Retreat In Time And Space“ sind dafür prädestiniert – immerhin gibt es 18 Tracks, wenn auch teils kurze. Und damit man nicht zu sehr in Trance erstarrt, haben die Gebrüder auch belebende Songs wie „Arena Americanda“ auf „Inferno“ gepackt.

Politische Girarrenriffs

Es ist ein zwiespältiges Thema: politische Äußerungen von Musikerinnen und Musikern. Sie werden für ihr künstlerisches Schaffen verehrt, oft in eine Vorbildrolle gehoben und zwangsläufig zu Kommentatoren der sozialen und politischen Lage – egal ob in Bezug auf ihr Heimatland oder einen der aktuellen globalen Krisenherde. Wie aber geht man als Fan damit um, wenn einem die Haltung missfällt? Werk von Autorin bzw. Autor trennen?

Weiterlesen →

Mono: Der Gesang des Universums

Erst seit fünf Jahren hat Takaakira Goto das Gefühl, dass sich die harte, langjährige Arbeit mit MONO gelohnt hat. Nicht nur darüber gab der Gitarrist und Kopf der japanischen Postrocker bereitwillig Auskunft. Er sprach auch über den plötzlichen Tod ihres langjährigen Produzenten und Freundes Steve Albini, mit dem MONO seit 2004 zusammengearbeitet hatten.

Taka, wann hast Du angefangen, Musik zu hören – abgesehen von Kindermusik natürlich?
Als ich klein war, etwa vier oder fünf Jahre alt, spielte meine Schwester, die fünf Jahre älter ist als ich, immer Beethovens „Mondscheinsonate“ und „Für Elise“ auf dem Klavier. Das war meine erste musikalische Erfahrung. Nachts fand ich es ein bisschen unheimlich, sie zu hören, aber ich mochte sie trotzdem.

Von welchen Künstlern warst Du anfangs total begeistert?
Ich mochte generell die Musik, die mein vier Jahre älterer Bruder hörte, und habe sie mir immer angehört. Angefangen bei alter japanischer Volksmusik bis hin zu Hardrock von Deep Purple war alles eine neue Erfahrung für mich. Bevor ich mich versah, war ich völlig von Musik eingenommen.

Weiterlesen →

Jehnny Beth: You Heartbreaker, You

Eigentlich heißt sie Camille Berthomier und schauspielert auch. Das weiß nur nicht jeder. Denn bevor sie als Jehnny Beth Musik machte und mit der viel zu früh zu Grabe getragenen Londoner Postpunk-Band Savages die Alben „Silence Yourself“ (2013) und „Adore Life“ (2016) veröffentlichte, stand sie vor der Kamera. Mit der Schauspielerei hörte sie aber nie auf. Im Jahr 2023 war die Französin in dem mit einer Goldenen Palme gewürdigten Justine Triet-Film „Anatomie Eines Falls“ zu bewundern.

Weiterlesen →

Yungblud: Idols

Erstaunlich, wie wandlungsfähig sich Yungblud auf seinem Album „Idols“ präsentiert. Dabei gibt er zu keinem Zeitpunkt seine eigene Identität auf und mutiert nicht zum einfallslosen Kopisten. Der 27-jährigen Engländer, der bürgerlich auf den Namen Dominic Richard Harrison hört, hat die Songs über einen Zeitraum von vier Jahren in Leeds entwickelt. Die Stadt liegt eine Stunde Autofahrt von seinem Geburtstort Doncaster entfernt. Im Vorfeld erklärte er, das Album sei ein Projekt ohne Limitierungen. Und das hört man „Idols“ tatsächlich an.

Weiterlesen →

BC Camplight: A Sober Conversation

Es gibt immer wieder Künstler, die einem grundsympathisch sind. Zu diesen zählt der 46-jährige Indierocker Brian James Christinzio, besser bekannt als BC Camplight. Er trägt Herz und Seele auf der Zunge. Wer ihm bei Instagram folgt, weiß etwa, dass er schon mit Depressionen zu kämpfen hatte. Hinzu kamen Sucht- und Visa-Probleme. Vor der Veröffentlichung seines letztens Albums „The Last Rotation Of Earth“ erlebte er zudem eine schmerzhafte Trennung von seiner Verlobten. Leicht hat er es wohl selten…

Weiterlesen →

Turnstile: Never Enough

Es hat den Anschein, als turne derzeit keine coolere und sympathischere Band über die Konzert- und Festivalbühnen als Turnstile. Wo oft mehr Schein als Sein herrscht, bei dieser Band werden die Erwartungen mehr als erfüllt und ist der Hype kein künstlich erzeugter Marketingcoup. Turnstile waren schon lange cool und sind es trotz geschäftlicher Beziehungen zu dem Branchenriesen Warner Music immer noch. So gaben sie im Vorfeld der Veröffentlichung ihres Albums „Never Enough“ in ihrer Heimatstadt Baltimore ein kostenloses Konzert, bei dem sie Geld für die Krankenversorgung von Obdachlosen sammelten. Anfang Juni traten sie unter einer Brücke in Brooklyn auf. Wo andere Bodenständigkeit und Fan-Nähe vorgaukeln, bei Turnstile wird beides gelebt.

Weiterlesen →